Noch häufiger als andere Kampfkünste wird Kyudo mit dem Zen-Buddhismus in Verbindung gebracht - teilweise sogar vollständig damit identifiziert
("Zen-Bogenschießen", "Zen im Stehen").
So wird behauptet, es gehe beim sogenannten "Zen-Bogenschießen" überhaupt nicht um das Schießen und das Treffen der Zielscheibe, sondern ausschließlich um spirituelle oder religiöse Riten.

Meist beziehen sich solche Darstellungen auf das Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" von Eugen Herrigel. Dazu sollte man jedoch wissen, dass Herrigel durch sein Interesse am Zen-Buddhismus, den er als Entsprechung zur christlichen Mystik Meister Eckeharts verstand, zum Bogenschießen kam. Es ist verständlich, daß sein ursprünglicher Wunsch somit auch seine Wahrnehmung von Kyudo als Vorübung des Zen-Buddhismus prägte. Dementsprechend ist seine Darstellung kein Lehrbuch, sondern ein sehr persönlicher, essayistischer Erfahrungsbericht eines der ersten Europäer, die mit Kyudo in näheren Kontakt kamen.
Die Frage, auf welche Weise der Geist (der Wille, die Konzentration) denn Einfluß auf den Flug des Pfeils nehmen soll, wenn nicht mit Hilfe der Physik und einer präzisen Schießtechnik, bleibt schon deshalb unbeantwortet, weil sie aus Unkenntnis gar nicht erst gestellt wird.

Kyudo kann durchaus als eine vom Zen geprägte Übung betrieben werden. Gerade dann aber muss man sich schlicht den vielfältigen konkreten Aufgaben und Kriterien des tradierten Übungsweges stellen. So lange man dies ernsthaft und hartnäckig tut, ist es letztlich gleichgültig, mit welchem Vorverständnis man sich Kyudo nähert.
Die Erfahrung des Übens jedoch muss der Interessierte dann selbst machen.

Wie alle Übungswege stellen sowohl Za-Zen (Sitz-Meditation) als auch Kyudo sehr spezifische, konkrete Aufgaben und führen dadurch zu jeweils ganz eigenen Erfahrungen. Diese sind immer nur durch individuelle, langfristige Anstrengung zu erwerben. Es gibt dabei durchaus auch konkrete Parallelen etwa in der Betonung der Achtsamkeit für das gegenwärtige Handeln und Geschehen, sowie in der Bedeutung von Körperspannung und Atmung.

Die mentale Aspekte und die konzentrative Steuerung komplexer Bewegungen sind der zentrale Gegenstand methodischer Übung vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Erfahrung, die das technische Können weiter entfalten können. Gerade darin liegt eine zentrale Schwierigkeit und ein wesentlicher Reiz des Kyudo zugleich.
Die Überprüfung des Erlernten in Wettkampf und Prüfung ermöglicht die realistische Auseinandersetzung mit dem erreichten Grad an Gelassenheit und Konzentration oder - traditionell gesprochen - dem "Frieden des Herzens". Wettkämpfe und Graduierungen sind nicht die eigentlichen Ziele, aber als Prüfsteine für das erreichte Niveau wichtig.


Das lebenslange Optimieren der nur scheinbar einfachen Bewegungen ist Selbstzweck; objektives Kriterium dafür ist das Treffen durch korrekte Schießtechnik. "Kunst" zeigt sich auch hier im Können und der Souveränität gegenüber äußeren Gegebenheiten.